Holacracy (Holokratie)

Definition

Holacracy verteilt Verantwortung über klar beschriebene Rollen und Kreise mit festen Entscheidungsregeln statt über Vorgesetzte; die Regeln stehen in einer schriftlichen Verfassung.

Holacracy (deutsch auch Holokratie) ist ein Modell zur Selbstorganisation von Unternehmen. Entwickelt hat es der US-Unternehmer Brian J. Robertson in seiner Softwarefirma; beschrieben ist es in seinem Buch von 2015 und in der Holacracy-Verfassung (Holacracy Constitution), die die Spielregeln festlegt. Bekannt wurde das Modell unter anderem durch den US-Onlinehändler Zappos.

Der Name leitet sich vom Holon ab, einem Ganzen, das zugleich Teil eines größeren Ganzen ist. In der Holacracy ist das der Kreis: ein Team mit eigenem Zweck, das Teil eines übergeordneten Kreises ist.

Grundprinzipien

  • Rollen statt Stellen: Arbeit wird in Rollen beschrieben, jede mit Zweck, Zuständigkeiten und Befugnissen. Eine Person kann mehrere Rollen haben, auch in verschiedenen Kreisen.
  • Kreise statt Abteilungen: Rollen mit gemeinsamem Zweck bilden einen Kreis. Kreise sind ineinander verschachtelt, vom Kreis für das ganze Unternehmen bis zu kleinen Teilkreisen.
  • Doppelte Verbindung: Vom übergeordneten Kreis kommt die Leitungsrolle des Teilkreises, die Zweck und Prioritäten hineinträgt (früher Lead Link, in Version 5.0 der Verfassung Circle Lead). Der Teilkreis wählt eine Vertretung, die seine Anliegen nach oben trägt (früher Rep Link, heute Circle Rep).
  • Getrennte Meetings: Im Governance-Meeting wird die Struktur geändert, also Rollen, Zuständigkeiten und Regeln. Im taktischen Meeting geht es um das Tagesgeschäft.
  • Spannungen als Anlass: Jede Lücke zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, darf eingebracht werden. Daraus entstehen neue oder geänderte Rollen und Regeln.

Rollen in den Meetings

  • Circle Lead (Lead Link): bringt Zweck und Prioritäten des übergeordneten Kreises ein und weist Rollen im Kreis zu.
  • Circle Rep (Rep Link): wird vom Kreis gewählt, vertritt ihn im übergeordneten Kreis und trägt Spannungen dorthin.
  • Facilitator: moderiert die Meetings und achtet auf die Einhaltung der Regeln.
  • Secretary (Schriftführer): lädt zu Meetings ein, protokolliert und führt die Aufzeichnung der Rollen und Regeln.

Wie Entscheidungen fallen

Änderungen der Struktur werden im Governance-Meeting nach der integrativen Entscheidungsfindung beschlossen: Jemand schlägt eine Lösung für eine Spannung vor, die anderen können Fragen stellen und reagieren, danach werden Einwände geprüft. Ein Einwand zählt nur, wenn der Vorschlag dem Kreis nachweislich schaden würde. Gesucht wird keine perfekte Lösung, sondern eine, die sicher genug zum Ausprobieren ist. Im Alltag entscheidet jede Rolle innerhalb ihrer Zuständigkeit selbst, ohne Rückfrage bei einem Vorgesetzten.

Beispiel: In einem Handwerksbetrieb übernimmt ein Geselle die Rolle „Materialdisposition“. Die Rolle hat den Zweck, dass auf jeder Baustelle das nötige Material rechtzeitig da ist, und darf dazu Bestellungen bis zu einem festgelegten Betrag auslösen. Er entscheidet in diesem Rahmen allein; wer mit der Regel nicht zufrieden ist, bringt das als Spannung ins nächste Governance-Meeting.

Holacracy, Soziokratie, Hierarchie: der Unterschied

ModellWer entscheidetWie entschieden wirdTypisch für
Klassische HierarchieVorgesetzte je nach EbeneAnweisung von oben, Rückfrage bei UnklarheitDie meisten kleinen Betriebe
HolacracyJede Rolle in ihrem Zuständigkeitsbereich; Strukturänderungen im Governance-MeetingIntegrative Entscheidungsfindung: Vorschlag gilt, wenn kein begründeter Einwand bleibtUnternehmen, die Selbstorganisation mit festen Regeln wollen
SoziokratieKreise, die über ihre Angelegenheiten selbst entscheidenKonsent: Beschluss, wenn niemand einen schwerwiegenden Einwand hatVereine, Schulen, Genossenschaften; Holacracy hat Elemente daraus übernommen
Agile TeamsDas Team über das Wie, oft eine Produktverantwortliche über das WasKurze Zyklen, gemeinsame Planung und RückblickSoftware- und Projektarbeit, meist innerhalb einer sonst klassischen Organisation

Einführung im Unternehmen

Holacracy setzt voraus, dass die Geschäftsführung Entscheidungsmacht an die Verfassung abgibt und sich selbst daran bindet. Alle Beteiligten müssen die Regeln kennen und lernen, zwischen Rolle und Person zu unterscheiden. Viele Unternehmen beginnen mit einem Teilbereich oder übernehmen nur einzelne Elemente, etwa klar beschriebene Rollen oder die Trennung von Struktur- und Tagesgeschäfts-Meetings.

Arbeitsrechtlich ändert die Verfassung nichts: Das Weisungsrecht des Arbeitgebers (§ 106 GewO), die Mitbestimmungsrechte eines Betriebsrats und die Haftung der Geschäftsführung bestehen weiter. Arbeitsverträge, Betriebsvereinbarungen und Vollmachten müssen deshalb zum Modell passen.

Vor- und Nachteile

VorteileNachteile
Zuständigkeiten und Befugnisse sind transparent dokumentiertUmstellung betrifft das ganze Unternehmen und braucht Zeit
Entscheidungen fallen dort, wo das Wissen istViele Regeln und Meetings, gerade am Anfang aufwändig
Struktur lässt sich laufend anpassenDie Trennung von Rolle und Person löst keine zwischenmenschlichen Konflikte
Mitarbeitende können mehr Verantwortung übernehmenFunktioniert nur, wenn Beteiligte und Geschäftsführung es wirklich wollen

Kritiker weisen außerdem darauf hin, dass Selbstorganisation versteckte Machtstrukturen nicht beseitigt und manche Menschen mit vielen Rollen überfordert sind. Einige Unternehmen haben Holacracy nach einer Probephase wieder aufgegeben oder nur Teile beibehalten.

Was heißt das für meinen Betrieb?

Die vollständige Verfassung ist für einen Betrieb mit wenigen Leuten meist zu aufwändig. Einzelne Elemente lassen sich aber gut übernehmen: Aufgaben als Rollen mit Zweck und klarer Befugnis aufschreiben, etwa „Materialdisposition bis 500 €“, Spannungen zu einem festen Termin sammeln statt nebenbei zu streiten, und Besprechungen über Abläufe von Besprechungen über das Tagesgeschäft trennen. Das entlastet den Inhaber, ohne dass er die Verantwortung abgibt. Mehr zu neuen Arbeitsformen unter New Work, zur Zusammenarbeit im Team unter Teamentwicklung.

Häufige Fragen

Wie funktioniert Holacracy?

Die Arbeit wird in Rollen mit Zweck, Zuständigkeiten und Befugnissen beschrieben, Rollen bilden Kreise. Jede Rolle entscheidet in ihrem Bereich selbst. Die Struktur wird in eigenen Governance-Meetings nach festen Regeln geändert, das Tagesgeschäft in taktischen Meetings besprochen. Die Spielregeln stehen in einer schriftlichen Verfassung.

Gibt es in der Holacracy keine Chefs?

Es gibt keine Vorgesetzten im klassischen Sinn, die über alles entscheiden. Die Leitungsrolle eines Kreises (Circle Lead) setzt Prioritäten und verteilt Rollen, entscheidet aber nicht in fremden Zuständigkeiten. Arbeitsrechtlich bleibt der Arbeitgeber weisungsbefugt, und die Geschäftsführung haftet weiter.

Welche Nachteile hat die Holokratie?

Viele Regeln und Meetings, gerade am Anfang, eine Umstellung, die das ganze Unternehmen betrifft, und das Risiko, dass Konflikte zwischen Menschen hinter formalen Rollen verschwinden. Einige Unternehmen haben das Modell nach einer Probephase wieder aufgegeben oder nur Teile behalten.

Was bedeutet holokratisch?

Nach den Regeln der Holokratie organisiert, also mit Rollen, Kreisen und verteilten Entscheidungen statt klassischer Hierarchie. Der Begriff leitet sich vom Holon ab, einem Ganzen, das zugleich Teil eines größeren Ganzen ist.

Verwandte Begriffe

Quellen

  1. Fachliteratur Holacracy: The New Management System for a Rapidly Changing WorldISBN 978-1-62779-428-2 · Brian J. Robertson, Henry Holt and Company, New York
  2. Fachliteratur Holacracy ConstitutionVersion 5.0, Art. 1.4 und 5.1.1 · HolacracyOne · abgerufen 19.10.2026
  3. Gesetz Gewerbeordnung, § 106 Weisungsrecht des Arbeitgebers§ 106 GewO · Bundesministerium der Justiz · abgerufen 19.10.2026

Aktualisiert am 19.10.2026 · Geprüft am 21.10.2026 · Redaktion arbeitdigital

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