Servitization (Servitisierung)

Definition

Servitization ist die Strategie von Herstellern, ihr Angebot von reinen Produkten zu Kombinationen aus Produkt und Dienstleistung oder zu nutzungsbasierten Leistungen zu erweitern.

Servitization (deutsch Servitisierung) beschreibt, wie Unternehmen statt eines Produkts zunehmend dessen Nutzen verkaufen: Wartung, Betrieb, Verfügbarkeit oder Ergebnis. Den Begriff prägten Sandra Vandermerwe und Juan Rada 1988 in einem Aufsatz über Unternehmen, die durch zusätzliche Dienstleistungen Wert schaffen. Durch Vernetzung, Sensoren und Datenauswertung hat der Ansatz seither stark an Bedeutung gewonnen.

Beispiel: Ein Heizungsbauer verkauft nicht mehr nur Heizungsanlagen, sondern bietet eine monatliche Wärmepauschale an. Er installiert die Anlage, übernimmt Wartung und Reparaturen und überwacht sie aus der Ferne; der Kunde zahlt einen festen Betrag und muss sich um nichts kümmern.

Beispiel Heizungsbauer: vom Verkauf der Anlage zum Wärmeliefervertrag
AngebotWas der Kunde kauftWie er zahltWer das Ausfallrisiko trägt
ProduktHeizungsanlageeinmal beim Kaufder Kunde, nach Ablauf der Gewährleistung
Produkt mit ServiceAnlage plus WartungsvertragKaufpreis plus Jahresgebührgeteilt
Nutzunggemietete Anlagemonatliche Mieteder Heizungsbauer
Ergebniswarme RäumePauschale oder Preis je Kilowattstunde Wärmeder Heizungsbauer

Stufen der Servitization

Die Forschung unterscheidet nach Arnold Tukker (2004) drei Grundtypen von Produkt-Service-Systemen, die oft als Stufen der Servitization gelesen werden:

TypWas verkauft wirdBeispiel
Produktorientiertdas Produkt, ergänzt um Wartungsvertrag, Schulung, Ersatzteilservice oder FernüberwachungDruckmaschine mit Wartungsvertrag
Nutzungsorientiertdie Nutzung: Das Produkt bleibt beim Anbieter und wird vermietet, verleast oder geteiltCarsharing, Werkzeugverleih im Baumarkt
Ergebnisorientiertdas Ergebnis: Bezahlt wird je Betriebsstunde, je Kopie oder je Wärmemenge„Power by the Hour“: Flugzeugtriebwerke samt Wartung werden nach Betriebsstunden abgerechnet

Warum Unternehmen auf Servitization setzen

  • Planbare Einnahmen: Laufende Verträge bringen regelmäßige Umsätze statt einmaliger Verkäufe.
  • Kundenbindung: Wer Betrieb und Wartung übernimmt, bleibt dauerhaft im Kontakt mit dem Kunden; mehr dazu unter Kundenbindung.
  • Abgrenzung vom Wettbewerb: Reine Produkte sind leichter vergleichbar und über den Preis austauschbar.
  • Langlebigkeit: Bleibt das Produkt beim Anbieter, lohnt es sich für ihn, es haltbar und reparierbar zu bauen.

Für Kunden entfällt die große Anschaffung, und Betrieb, Wartung und Ausfallrisiko liegen beim Anbieter.

Herausforderungen

  • Finanzierung: Der Anbieter trägt die Anschaffungskosten und verdient sein Geld erst über die Laufzeit.
  • Risiko: Ausfälle, Reparaturen und Verschleiß gehen auf seine Rechnung; Preise müssen das einkalkulieren.
  • Kompetenzen: Service, Vertrieb von Verträgen und Datenauswertung erfordern andere Fähigkeiten als die Fertigung. Weiterbildung, neue Stellen und teils auch Personalfreisetzung können die Folge sein.
  • Technik: Fernüberwachung und nutzungsabhängige Abrechnung brauchen vernetzte Geräte, Software und Datenschutz.
  • Kultur: Das Unternehmen muss vom Verkaufen einzelner Produkte zum Denken in langfristigen Kundenbeziehungen wechseln.

Servitization ist nicht nur ein Thema für Konzerne. Auch kleine Hersteller und Handwerksbetriebe können schrittweise beginnen, etwa mit Wartungsverträgen oder Mietmodellen für einzelne Geräte.

Servitization, Kundendienst, Abo: der Unterschied

BegriffKernVerhältnis zur Servitization
Kundendienst (After-Sales-Service)Hilfe und Reparatur nach dem Kauf, oft einzeln bezahltZusatz zum Produkt, noch kein neues Geschäftsmodell
Miete und LeasingNutzung gegen eine Ratenutzungsorientierte Servitization, wenn Service dazugehört
Abo-Modellregelmäßige Zahlung für laufende Lieferung oder Zugangkann Servitization sein; ein reines Lieferabo ist es nicht
Digitale Servitizationvernetzte Geräte liefern Daten für Fernwartung und Abrechnung nach Nutzungtechnische Grundlage vieler neuer Angebote

Digitale Servitization in kleinen Unternehmen

Eine Studie mit Führungskräften kleiner und mittlerer Unternehmen aus Frankreich (Le-Dain und andere, 2023) nennt als größte Hürden fehlende digitale Fähigkeiten im Team und ein schwach entwickeltes Netz aus Partnern und Kunden, etwa Sorgen um die Datensicherheit beim Datenaustausch und Kunden, die digital wenig vorbereitet sind. Chancen sahen die Betriebe vor allem in engeren Kundenbeziehungen, in der Abgrenzung vom Wettbewerb und in zusätzlichen Umsätzen.

Was heißt das für meinen Betrieb?

Servitization beginnt im kleinen Betrieb meist mit einem Wartungsvertrag: fester Jahrespreis, feste Termine, vorrangige Hilfe bei Störungen. Wer Geräte vermietet oder nach Nutzung abrechnet, finanziert die Anschaffung vor und trägt das Ausfallrisiko; beides gehört in den Preis, und Leistungsumfang, Laufzeit und Kündigung müssen im Vertrag klar geregelt sein. Laufende Verträge machen Einnahmen planbarer und halten den Kontakt zum Kunden. Wie sich daraus ein Geschäftsmodell entwickeln lässt, zeigt Digitale Geschäftsmodelle.

Häufige Fragen

Was bedeutet Servitisierung?

Servitisierung ist das deutsche Wort für Servitization: Hersteller verkaufen statt eines Produkts zunehmend dessen Nutzen, etwa als Wartungsvertrag, Miete oder Bezahlung nach Nutzung.

Welche Beispiele gibt es für Servitization?

Flugzeugtriebwerke, die nach Betriebsstunden abgerechnet werden, Kopierer mit Preis je Seite, Carsharing, Werkzeugverleih oder eine Heizung, die der Heizungsbauer betreibt und als Wärmepauschale abrechnet.

Was ist der Unterschied zwischen Servitization und Kundendienst?

Kundendienst ist eine Zusatzleistung nach dem Verkauf. Bei der Servitization wird die Dienstleistung selbst zum Angebot: Der Kunde kauft Verfügbarkeit, Nutzung oder ein Ergebnis, und der Anbieter verdient über die Laufzeit.

Was ist ein Produkt-Service-System?

Ein Angebot aus Produkt und Dienstleistung, das gemeinsam einen Kundennutzen erfüllt. Unterschieden werden produktorientierte, nutzungsorientierte und ergebnisorientierte Systeme.

Ist Servitization nur etwas für die Industrie?

Nein. Auch Handwerksbetriebe und Händler können Wartungsverträge, Mietmodelle oder Pauschalen anbieten, etwa für Heizungen, Kaffeemaschinen oder Werkzeuge.

Verwandte Begriffe

Quellen

  1. Fachliteratur Servitization of business: Adding value by adding services6 (4), 1988, S. 314–324 · Sandra Vandermerwe, Juan Rada, European Management Journal
  2. Fachliteratur Eight types of product–service system: eight ways to sustainability? Experiences from SusProNet13 (4), 2004, S. 246–260 · Arnold Tukker, Business Strategy and the Environment
  3. Fachliteratur Barriers and opportunities of digital servitization for SMEs: the effect of smart Product-Service System business models17 (1), 2023, S. 359–393 · Marie-Anne Le-Dain, Lamiae Benhayoun, Judy Matthews, Marine Liard, Service Business · abgerufen 19.10.2026

Aktualisiert am 16.10.2026 · Geprüft am 16.10.2026 · Redaktion arbeitdigital

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